ALEUS
ALEUS

Sprachliche Chancengleichheit

 

Chancengleichheit unabhängig von der Muttersprache.

 

Wie hoch auch immer von Teilen des liberalen Lagers aus die Einzelpersön­lichkeit im Vergleich zur Gemeinschaft gewertet wird ‑ über drei ega­litäre (kollektivistische) Mindestforderungen kann Übereinstimmung er­zielt werden:

 

(1) Niemand darf von Geburt an gegenüber der Gesellschaft nur gerin­gere Rechte als die anderen geltend machen können, und die Gesell­schaft hat darüber hinaus auch anzustreben, dass tatsächlich (nicht nur rechtlich) alle das erreichbare Maximum an Anfangschancen erhalten ‑ unabhängig von her­kunfts­­bedingten Merk­malen der Einzelmenschen, falls diese Merkmale nicht biologischer, sondern ge­sellschaftsbedingter Art sind.

 

Es wäre eine ungerechtfertigte Einschränkung der Freiheit eines Einzel-menschen, wenn dieser mit minderen Rechten als die anderen geboren würde. Seine Freiheit wäre aber auch dann ohne Rechtfertigung einge­schränkt, wenn bei Beginn seiner eigenen Mitentscheidung über sein wei­­teres Leben seine Anfangschancen bereits durch das Milieu verrin­gert worden wären, welches seine Kindheitserfahrungen prägte.

 

(2) Wo aus zwingenden Gründen eine Entscheidung nicht jedem Ein­zel­­nen überlassen bleiben kann, sondern für eine Gemeinschaft ins­ge­samt verbindlich getroffen werden muss, und diese Entscheidung weder eilt noch hohen Sachverstand erfordert, soll sie durch Abstimmungs­mehr­heit von der Gemein­schaft insgesamt oder von einem aus allge­mei­nen Wahlen dieser Gemeinschaft hervorgegangenen Entschei­dungs­gremien getroffen werden.

 

Von der individuellen Freiheit, welche durch den unvermeidlichen gesell­schaftlichen Zwang verlorengeht, wird durch Anwendung eines demokra­tischen Entscheidungsverfahrens wenigstens ein kleiner Rest als Stimm‑ bzw. Wahl­recht wiedergewonnen.

 

(3)    Wo eine Frage einem Entscheidungsgremium vorgelegt wird, darf dessen Ent­scheidung möglichst nicht dadurch vorweggenommen wer­­­den, dass es aus Mit­gliedern zusammengesetzt wird oder schon ist, für welche eine bestimmte Ent­scheidung persönliche Vorteile gegenüber der Mehrheit der anderen Mitglieder der gleichermaßen betroffenen Ge­meinschaft bewirkt.

Die andernfalls für die Mehrheit zu erwartenden Nachteile wären als un­ge­rechtfertigte Minderung des Freiheitsspielraums zu werten.

 

(Die drei egalitären Mindestforderungen sind nicht nur mit der liberalen Wer- thaltung verträglich, sondern gehören selbstverständlich auch zu den kollekti-vistischen Grundforderungen, wenngleich mit anderen Begrün­dun­gen und weniger Einschränkungen.)

 

Welche unverzichtbaren Kernansprüche an eine liberale europäische Sprach­politik ergeben sich bereits aus den drei auch vom Boden des Liberalismus aus unbe- streitbaren egalitären Mindestforderungen?

 

Die Erhebung einer der fünfundzwanzig innerhalb der europäischen Union bestehenden Amtssprachen zur Europasprache wäre ein schwe­rer Verstoß gegen den Grundsatz der bestmöglichen Gleichheit der An­fangs c h a n c e n und würde stattdessen zu einer politisch uner­wünsch­ten Dominanz des Mutter­landes führen. Die milieubedingte sprach­­liche Unterlegenheit der Euro­päer aus den vierundzwanzig unter­privile­gierten Sprachgemeinschaften (also in jedem Falle der großen Mehr­heit aller Europäer l) könnte auch nicht auf schulpädagogischem oder sozialpäda-gogischem Wege durch kompensatorische Maßnahmen (bildungstechnologisch intensivierte Sprachschulung bzw. Kinder­verschickung in das Mutterland der Europasprache) befriedigend behoben wer­den. Denn diese Maßnahmen kosten Lebenszeit der so Geförderten, wel­che bei den Kindern der überprivilegierten Sprachgemeinschaft zum Erwerb weiterer Wettbewerbsvorteile genutzt werden kann.

 

Der Grundsatz der Mehrheitsentscheidung betroffener Gemeinschaften schließt die Einschränkung des Fremdsprachangebots durch zentrale Instanzen (z.B. Kultusministerkonferenz) aus. Da aus bildungsökono­mischen Gründen (Beschränkt- heit der finanzierbaren Lehrer­-Schüler‑ Relation) ein unbe­schränk­tes Fremdsprach-wahlangebot an keinem Schul­zentrum möglich ist, muss lokal oder allenfalls regional aufgrund der dort artikulierten Bedürfnisse entschieden werden, welche Sprachen anzubieten sind. An diesem Entscheidungsprozess müssen Schüler, Eltern und Lehrer beteiligt werden. ‑ Nur der Unterricht in der vorgesehe­nen Europasprache darf zentral vorgeschrieben werden, da hiervon die europäische Gesamtgesellschaft unmittelbar betroffen ist.

 

Der Grundsatz der weitestmöglichen Unbefangenheit der Entschei­dungs­­träger ist insbesondere bei der grundlegenden Entscheidung über die Europasprache zu berücksichtigen. Dies wird außerordentlich schwie­­rig und nur unvollkommen möglich sein. Schon deshalb ist es not­wendig, durch sorgfältige wissenschaft­liche Analysen und praktische Er­probungen der Alternativen von unvoreinge­nommenen Fachleuten oder notfalls von paritätisch zusammengesetzten Fachgremien die poli­tische Entscheidung vorbereiten zu lassen. Trotz der oben schon deut­lich gewordenen Gründe für die Nichteignung der 25 Amtssprachen in Europa für die Rolle der gemeinsamen Europasprache könnte billiger-weise von keinem Entscheidungsträger (und auch von kaum einem Fach­berater!) verlangt werden, uneigennützig im wohlverstandenen Interesse der europä­ischen Gesamtgesellschaft einschließlich der nachrückenden Generationen z. B. zwischen Englisch und Esperanto zu entscheiden ‑ es sei denn, er beherrsche selbst beide Sprachen in ver­gleich­­barem Ausmaß (also entweder keine von beiden, oder beide sehr unvoll-kommen, oder beide gut). Allgemein müssen alle Meinungsäuße­rungen g e g e n eine der infrage kommenden Europasprachen mit dem Grad gewichtet werden, mit dem der Urteilende die von ihm abgelehnte Sprache beherrscht (womit freilich die meisten Urteile jedes Gewicht verlieren I).