ALEUS
ALEUS

Plansprachen als mögliche EU-Sprachen

 

Plansprachen als mögliche Europasprachen

 

Bei einer Punktwertung durch den Hamburger Sprachwissenschaftler Décsy, welche allerdings verschiedene politische, bildungsökonomische und kyberne­tische Gesichtspunkte für die Wahl der Europasprache noch unberücksichtigt lässt, gelangte unter die mit Abstand als bestgeeignet ermittelten drei Sprachen ‑ neben der toten Volkssprache Latein und der hinsichtlich ihrer politischen Problematik schon diskutierten EG‑Volks-sprache Englisch ‑ auch die allgemeine Plansprache Esperanto.

 

Man kann bei einer wissenschaftlichen Einteilung der Sprachen in erster Näherung die geplanten Sprachen den geschichtlich gewachsenen (und in diesem Sinne ungeplanten) Sprachen gegenüberstellen – eben­so wie man zwischen geplanten und gewachsenen Städten unterschei­den kann. Allerdings gibt es streng genommen nur sehr wenige geplante Städte: Akademgorod in Sibirien, Brasilia in Brasilien, Canberra in Aus­tra­­lien, Candrigar in Indien. Auch unter den heute be­nutzten allgemei­nen (d. h. nicht nur speziellen Zwecken, z. B. der Daten­verarbeitung oder der Fluglotsentätigkeit dienenden) Sprachen befinden sich sehr wenige Plan­sprachen, die sich überdies so weitgehend ähnlich sind, dass sie gele­gent­lich nur als verschiedene "Dialekte der Internatio­nalen Sprache" be­zeichnet werden: Esperanto, Ido, Intal, Interlingua, Neo, Occidental (= Interlingue).

 

Allen diesen Sprachen gemeinsam ist der Versuch

 

1) den Grundwortschatz möglichst weitgehend in Anlehnung an gewach­sene europäische Sprachen festzulegen, also nicht ‑ wie teilweise bei Pro­grammiersprachen ‑ willkürlich zu definieren;

 

2) mit möglichst wenigen, möglichst ausnahmefreien grammatischen Re­geln mindestens dieselbe Leistungsfähigkeit in der Erfüllung der kommu­nikativen Sprachfunktion zu schaffen wie bei den geschichtlich gewach­senen Sprachen;

 

3) die Regeln für Rechtschreibung und Aussprache möglichst einfach zu halten.

 

Die Konkretisierung dieser Forderungen oder auch die Hinzunahme wei­terer Bedingungen führt zu unterschiedlichen Plansprachkonstruktionen.

 

So wurde mit Interlingua (wie schon vorher mit Occidental ‑ dem heut­igen Interlingue ) eine Plansprache zu entwickeln versucht, die jeder   „Gebildete" (d. h. jeder Kenner des Lateinischen) ebenso wie jeder An­ge­­hörige eines der romanischen Sprachbereiche versteht, ohne diese Plansprache vorher lernen zu müssen. Das in der Interlinguistik soge­nannte "DEFIRS‑Prinzip" (es fordert, nach Möglichkeit jede Wortwahl für die Plansprache so zu treffen, dass sich eine gute Überein­stimmung mit den gleichbedeutenden Wörtern der Volkssprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch und Spanisch ergibt) wird dabei unter Vernachlässigung von Deutsch und Russisch und ‑ obgleich Interlingua in den USA entwickelt wurde und dort z.Zt. am stärksten verbreitet ist ‑ unter relativ geringer Beachtung des Englischen angewandt; von allen heute benutzten Plansprachen kommt Interlingua dem Latein am nächs­ten. Seine Grammatik ist jedoch unvergleichlich viel einfacher, jedoch im Interesse einer guten Angleichung an die romanischen Spra­chen keines­wegs ausnahmefrei. Aus demselben Grunde ist auch die Rechtschrei­bung nicht streng lautschriftlich. Der Umfang des Wort­schatzes gleicht dem der gewachsenen Kultursprachen.

 

Neo zeichnet sich unter den anderen erwähnten Plansprachen vor allem durch außerordentliche Knappheit aus. Dies erhöht auch für Angehörige des romanischen und des englischen Sprachbereichs den Lernaufwand für die passive Sprachbeherrschung gegenüber Interlingua ungefähr bis zum gleichen Aufwand, der für Esperanto erforderlich ist.

 

Intal stellt hinsichtlich der Einfachheit der Regeln für Rechtschreibung und Aussprache die folgerichtigste Lösung dar und übertrifft hierin noch Esperanto. Das DEFIRS‑Prinzip wird sehr ausgewogen angewandt: deut­sche und englische Wortwurzeln treten gegenüber romanischen noch weniger in den Hintergrund als bei Esperanto, dagegen ist die Grammatik etwas komplizierter.

 

Ido wurde als Reformversuch von Esperanto mit dem Ziel einer konse-quenteren Anwendung des DEFIRS‑Prinzips entwickelt; gleichzeitig wur­de eine bessere Anpassung an die gewachsenen (insbesondere an die nichtfranzö­sischen romanischen) Sprachen durch eine beträchtliche Er­hö­­hung des Grundwortschatzes und eine etwas kompliziertere Gramma­tik erkauft.

 

Esperanto ist die älteste (schon 1887 veröffentlichte) und mit großem Vor­sprung am weitesten verbreitete der genannten Plansprachen; die Zahl der Esperantokenner in Europa wird von Décsy mit 10 Millionen, weltweit von Pei mit 16 Millionen angegeben. Der Grundwortschatz von Esperanto (etwa 2000 Wortwurzeln, abgesehen von den internationalen Fachausdrücken) entstand zu etwa zwei Drittel den romanischen und zu etwa 20 % den germanischen Sprachen; ein kleiner Rest ist slawischen und anderen Sprachen entnommen. Da die Regeln der Esperantogrammatik im Vergleich zu allen anderen Plan­sprachen mit Abstand die einfachsten sind, bezeichnet Szerdahelyi Esperanto als Minimalmodell der indoeuropäischen Sprachen. Die Forderung nach Verzicht auf kommuni-kationstheoretisch wertlose Varianten und nach strikter Ausnahmefreiheit erfüllt Esperanto durch eine ‑ in Einzelfällen beträchtliche Abweichung mancher abgeleiteter Wortbildungen von den geschichtlichen Basisspra-chen. Beispielsweise enden alle Substantive auf -o, alle Adjektive auf -a, alle Adverbien auf -e; wo zu einem Substantiv eine weibliche Form sinnvoll ist, z. B. bei "hundo", wird diese durch Einfügen der entsprechenden deutschen Nachsilbe "in" vor dem Schluss ‑o gebildet: Hündin heisst dann konsequent und in Anlehnung an die Basissprache "hundino". Dagegen wird aus patro (Vater) nach derselben Konsequenz patrino (Mutter), bzw. aus cevalo (Pferd) cevalino (Stute). Die ausnahmefreie Kombinierbarkeit der Grundwörter mit drei Dutzend solcher Wortbil­dungs­­­silben (z. B. erzeugt die Vorsilbe "mal" die gegen­teilige Bedeutung, die Nachsilbe "et" die Verminderung etc.) ermöglicht es, aus dem relativ ge­ringen zu lernenden Grundwortschatz kombinatorisch weit über 100 000 sinnvolle, sofort verständliche weitere Wörter abzuleiten (vgl. z.B. "la mal­juneta patrineto* = das ältliche Mütterchen). Vom Standpunkt indoeu-ropäischer Sprachen aus erscheint die Rationalität der Esperanto-kon­struktion zunächst etwas unnatürlich. Die Zugänglichkeit dieser Planspra­che auch von anderen Sprachbereichen aus ist aus demselben Grunde jedoch wesentlich grösser als bei anderen Plansprachen; bei­spiels­weise empfinden Ungarn, Finnen, Japaner und Chinesen Espe­ranto als Tor zu anderen indoeuropäischen Sprachen, da Esperanto deren gemeinsame Eigentümlichkeiten modellhaft enthält, ihnen aber an Flexibilität und insbesondere an leichter Lernbarkeit überlegen ist. Sieht man vom Wortschatz ab, dann zeigt sich bei verschiedenen Untersu­chun­gen z. B. des jugoslawischen Interlinguisten BROZOVIC, dass Espe­ranto auch unter Mitberücksichtigung nichtindo-europäischer Spra­chen in zahlreichen linguistischen Kenngrössen (z. B. schon hinsichtlich der mittleren Wortlänge!) eine mittlere Position im Spektrum der einzel­nen Sprachen einnimmt; diese Variante der Interna­tionalen Sprache er­scheint daher von keinem Sprachbereich aus als  extrem fremdartig. Bei der Beurteilung seiner Eignung als Europasprache ist zu berücksichti­gen, dass Esperanto eine günstigere Verschmelzung romanischer und germanischer Sprachelemente darstellt als Englisch, in der Klarheit sei­ner Grammatik und vor allem in der Vermeidung von Ausnahmen das Französische übertrifft, hinsichtlich der Deutlichkeit der Aussprache dem Italienischen und dem Deutschen zumindest nicht nachsteht und zwi­schen Aussprache und Schreibweise weniger Unterschiede aufweist als diese beiden Sprachen. Trotz mindestens gleich präziser Ausdrucks­mög­lichkeiten sind Esperantotexte in der Regel etwas kürzer als die Übersetzungen in diese vier verbreitetsten EG-­Volkssprachen, jedoch länger als Übersetzungen in Neo.

 

Zusammenfassend kann man die von der Interlinguistik gelieferten (Plan‑) Sprachen wie folgt kennzeichnen: Eine interlinguistische Sprache konzentriert sich auf die kommunikative und manchmal (in reduzierter Form; vgl. Progreso gegenüber Esperanto) zusätzlich noch auf die ky­ber­netische Rolle der Sprache; nur dadurch kann sie hierin den ge­schicht­lich gewachsenen Volkssprachen überlegen sein, von denen sie den jeweiligen Grundwortschatz und die spezifischen kommunikativen Vorteile kombiniert, die geschichtlich entstan­denen Unregelmäßigkeiten jedoch eliminiert.

 

Angesichts der zahlreichen Vorteile, welche gegenüber allen vorherrschenden Volkssprachen demnach offenbar Plansprachen haben (insbesondere die Internacia Lingvo = Esperanto), drängt sich die Frage auf, warum sie bisher erst eine untergeordnete Rolle sowohl im öffentlichen Leben als auch in der Wissenschaft und Wirtschaft spielen. Die gerin­gere Eignung für die kulturgeschichtliche Rolle und die schlechte Eig­nung für die biologische Rolle der Sprache können dafür nicht der hin­reichende Grund sein, da hierin eher Vorteile zu sehen sind. Die italie­nischen Sozialdemokraten, die 1974 Esperanto zunächst als Verstän­digungssprache der europäischen sozialdemokratischen Parteien und später als Europasprache vorschlugen, vergleichen die nur langsame Ausbreitung von Esperanto mit dem zunächst nur langsamen Zuwachs der Nachfrage nach Telefonanschlüssen: in beiden Fällen handelt es sich um Kommunikationsmittel, deren Wert desto grösser ist, je mehr andere mögliche Gesprächsteilnehmer schon darüber verfügen ‑ anfangs also sehr geringl Von allen Sprechern einer Plansprache und dem gesamten Schrifttum, das schon in Plansprachen vorliegt (40 000 Bände) oder hinzukommt (im Tagesdurchschnitt ein Bucht) fallen etwa 99% auf Esperanto; an zweiter Stelle dürfte inzwischen Interlingua ste­hen. (Von der nicht‑linguistischen Literatur in Esperanto fallen allerdings 90 % auf Belletristik, der Rest großenteils auf katholische Theologie und maoistische Politologie, dagegen bisher nur sehr wenig auf den Bereich der Mathematik, Naturwissenschaft, Medizin und Technik.) .

 

Eine politische Entscheidung für eine Plansprache als Europasprache könnte innerhalb weniger Jahre realisiert werden, d.h. die Durchsetzbar­keit einer Plansprache ist erheblich viel grösser als deren Fähigkeit, sich von alleine durch-zusetzen, zumal derzeit in Deutschland ‑ abgesehen von Arbeitsge­mein-schaften an der Gymnasialoberstufe keine mit den Schul­gesetzen und einschlägigen Erlassen verträgliche Möglich­keit be­steht, allein aufgrund von Lehrer‑, Schüler‑ oder Elterninitiativen Plan­spra­chunterricht von der Basis aus als reguläre schulische Veran­stal­tung einzuführen. Das bedeutet insbesondere, dass die jetzige Ver­breitung von Esperanto allein kein ausreichendes Argument ist, diese Spielart der Internationalen Sprache einer anderen Plansprache bei einer Entschei­dung über die Europasprache vorzuziehen.

 

Die zunehmende Bedeutung der automatischen Datenverarbeitung für die hochzivilisierte Gesellschaft verleiht der Frage nach der Eignung einer Plan­sprache für die nichtnumerische Datenverarbeitung (automatische Dokumen­tation, Dialog mit Rechnern) ein starkes Gewicht. Hierzu kann eindeutig festgestellt werden:

 

(1) Plansprachen sind generell datenverarbeitungsfreundlicher als jede der EG‑Volkssprachen; insbesondere reduzieren sie den Aufwand für die auto­matische Dokumentation und Informationserschließung sowie für die auto­matische Sprachübersetzung auf einen Bruchteil.

 

(2; Esperanto ist DV‑ freundlicher als die aufgeführten anderen Plansprachen ‑ abgesehen von der relativ leicht beseitigbaren Verwendung weni­ger diakriti­scher Zeichen (z. B. wird aus ĉevalo in Telegramm-Ortho­gra­phie chevalo).

 

Die Alternative bei der Wahl einer neutralen, gemeinsamen Zweitsprache als Europasprache lautet freilich genau genommen nicht: soll einer Plansprache der Vorzug vor einer (toten) Volkssprache gegeben wer-den? Vielmehr ist zu fragen: wie stark darf die gewählte Sprache geplant  sein?

 

Wie es bei den geschichtlich gewachsenen Städten eine mehr oder we­ni­ger durchgreifende (Stadt‑)Planung gibt, so bei allen Kultursprachen eine mehr oder weniger tiefgehend geplante Sprachnormung. Ungeplant sind nur die Mundarten, aus denen heraus eine überregionale Volks­sprache ‑ das Bühnen­deutsch, das Oxford‑English, das Französisch der Akademie Francaise, das Kirchenlatein usf. ‑ durch teilweise bewusste Entscheidungen entwickelt wurde. Interlingue oder Interlingua ist nur ein weiterer Schritt der Planung: es ist eine Synthese aus allen romanischen Sprachen. Esperanto oder Intal kann ‑ noch weitergehend ‑ als rational geplante Synthese aus den indoeuropäischen Sprachen angesehen werden ‑ unter Bevorzugung allerdings der EG‑Volkssprachen.