ALEUS
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Funktionen der Sprache

 

Die vier Funktionen der Sprache

 

Die geschichtlich gewachsenen, der allgemeinen zwischenmenschlichen Ver­stän­digung dienenden Sprachen erfüllen drei hauptsächliche Funktio­nen: ‑ die biologische, ‑die kulturgeschichtliche,  die kommunikative.

 

Eine vierte Funktion, die technisch‑kybernetische, beginnt in letzter Zeit hinzu­zukommen, wird aber vorläufig fast ausschließlich erst von den ratio­nal ge­planten Programmiersprachen der automatischen Datenver­arbeitung über­nommen.

 

1. Die biologische Rolle der Sprache besteht (positiv gesehen) darin, dass sie das gemeinschaftsbildende, Genera­tionen verbindende Merk­mal einer Sprachgruppe ist und dadurch (negativ gesehen) die – zu­nächst kognitive und dann vielfach affektive ‑ Diskriminierung des Fremd­­lings ermöglicht. Die Sprache spielt also beim Menschen die glei­che Rolle wie der Nestgeruch bei vielen Tieren, was der heutige Schwa­be durch das Wort "Rei'g"schmeckt'r" zur Bezeichnung des Nicht‑ Stam­mesgenossen noch deutlicher zum Ausdruck bringt als im Altertum die Griechen durch das Wort "Barbar". Je schwerer eine Sprache zu erler­nen ist, desto besser erfüllt sie ihre biologische Funktion; z. B. hat schon der Zehnjährige kaum mehr eine Chance, Englisch perfekt zu lernen, d.h. so, dass er nicht zumindest an seinem Akzent als Sprachausländer erkennbar bleibt. Analoges gilt (in geringerem Ausmaße!) von den schul‑ und firmenspezifi­schen Dialekten innerhalb der Fachsprachen.
 

2. Die kulturgeschichtliche  Rolle der Sprache besteht in der durch sie erfolgenden Be w a h r u n g von geschicht­lichen Erfahrungen eines Volkes: dieses wird noch viele Probleme "deichseln" (= managen) und sich noch viele Beobachtungen "einprägen" (ins Gedächtnis aufnehmen), wenn es schon längst nur noch mit Last­wagen transportiert und mit Pa­pier­geld bezahlt. Dass Metaphern, Redewendungen und alle übrigen ge­schichtlich ge­wachsenen Besonderheiten unserer Sprache zusammen unser Denken ähnlich stark beeinflussen wie die verfügbare Unterpro­gramm­bibliothek den Einsatz eines Großrechners, zeigt sich indirekt an einem Phänomen, das jedem ver­traut ist, der schon zwischen verschie­de­nen Sprachen in beide Richtungen übersetzte. Wo mit einer solchen Übersetzung eine möglichst unverfälschte Übertragung des im Original­text ausgedrückten Sachverhalts angestrebt wird, entsteht nämlich ein Text, der im Verhältnis zum Originaltext  länger ist, als der Textlängen­vergleich bei Übersetzungen in umgekehrter Richtung ergibt. Die Bevor­zugung sprachgebundener Denkmuster bei der Formulie­rung des Origi­naltextes, also die Abhängigkeit der Denkweise von sprachlich bewahr­ten, geschichtlichen Erfahrun­gen, verrät sich hier in der Umständlichkeit der fremd-sprachlichen Umschreibung. Sie wird höchstens teilweise durch die gele­gentliche umgekehrte Erscheinung aufgewogen, dass eine komplexe sprach­liche Wendung des Originaltextes bei der Übersetzung durch einen knappen Ausdruck für dieses, in der Zielsprache ge­läufige Denkmuster wiedergebbar ist.

 

3. Die kommunikative Rolle der Sprache besteht in der sich ihrer als eines Codes bedienenden zwischenmenschlichen Informationsüber­mittlung über beliebige alltägliche, wissenschaftliche, politische, kom­mer­zielle oder sonstige Sachverhalte oder Wünsche.

 

4. Seit der Mitte de vorigen Jahrhunderts spielen rational geplante, algorith­mische Sprachen eine technisch-kybernetische Rolle bei der Rechnerpro­grammierung, also der Codierung unserer Wünsche für deren objektivierte, automatische Erfüllung. Die automatische Sprach­über­setzung ist für Sprachen mit einer nur technisch ‑ kybernetischen Rolle ein bereits befriedigend gelöstes Problem, bei Einschränkung auf die kommunikative Rolle von Sprachen eine sinnvolle und teilweise schon bewältigte Aufgabenstellung, bei Mitberück­sichtigung der kultur­ge­schichtlichen Rolle fragwürdig und angesichts der biologischen Rolle widersinnig. Auch die Tätigkeit des menschlichen Über­setzers kann die biologische Funktion der Sprache nicht und die kulturge­schicht­lich höchstens andeutungsweise erfassen. Das Dokumenta­tions­wesen im weitesten Wortsinne ‑ also die Ergebnisprotokollierung empirischer Ver­suche, gerichtlicher Verhandlungen oder parlamentari­scher Beratungen ebenso wie die Berichte über Krankheitsverläufe, Wet­terlagen, Reisemöglichkeiten und wirtschaftliche Entwicklungen so­wie die Formulierungen der Funktionsweise technischer Geräte oder der da­ran geknüpften Patentansprüche ‑ hat es nur mit der kommunikati­ven Rol­le der Sprache zu tun, also mit den grundsätzlich übersetzbaren In­hal­ten sprachlichen Ausdrucks. Für das Doku- mentationswesen ist daher jede kommunikationstheoretisch unwichtige Unter-scheidung (z. B. zwi­schen Substantiven verschiedenen Geschlechts) und jede geschichtlich entstandene Unregelmäßigkeit (z. B. der Flexion) eine ungerecht-fertigte Er­schwerung. Umgekehrt hat in dieser Funktion eine Sprache desto mehr Vor­züge, je schlichter sie ist, d.h. je weniger geschichtlich beding­ten Ballast und je weniger regionale Besonderheiten sie mitzuschleppen zwingt. Eine solche erhöhte Eignung für die nationalen Belange der Kom­­munikation und Doku­mentation nimmt mit dem Ausmaß der rationa­len Normung und Planung der Sprache zu (kann also bei Plansprachen besonders hoch sein), was jedoch die Eignung für die biologische und   kulturgeschichtliche Rolle gewöhnlich verringert.

Dagegen ändert sich ein dritter Index zur Beurteilung der Rolle der fünfund­zwanzig  EU‑Amtssprachen vergleichsweise sehr rasch und ist durch politische Entschei-dungen mit einer Übergangszeit von nur einer Generation fast beliebig manipu-lierbar: nämlich die Rolle der einzelnen EU‑Sprachen als Zweitsprache. Zahlen-abgaben hierüber sind schwierig zu gewinnen und wären wenig aus­sagekräftig, da der Grad der Sprach­kom­pe­tenz weitgehend willkürlich festleg­bar (und nicht hinreichend leicht messbar i) ist, von dem an z. B. von einem Italiener gesagt werden kann, er "beherrsche" Deutsch als Zweitsprache. Aufgrund der Verteilung der Unterrichtszeit in den Schulen kann jedoch wenig­stens folgendes als unstrittig gelten:

 

(1) Vor dem zweiten Weltkrieg lag im Bereich der heutigen EU Franzö­sisch an der Spitze der Zweitsprachen.

 

(2) Derzeit bevorzugt das Schulwesen der EU-Länder den englischen Sprachunterricht so stark gegenüber anderen Sprachen, so dass Eng­lisch in der EU als Zweitsprache, z.B. das Französische oder Deutsche, überrundet hat und nimmt schon jetzt den ersten Rang ein.

 

(3) Deutsch steht im Bereich der EU, zusammen mit Französisch, inzwi­schen an zweiter  Stelle.

 

(4) Die Verbreitung der  anderen EU‑Sprachen als Zweitsprachen in der EU ist vergleichsweise wesentlich geringer und nur bei Italienisch und Niederländisch nicht vernachlässigbar klein.

 

Wenn man neben der Verbreitung von EU-Sprachen noch das Bruttoso­zialprodukt der einzelnen EU-Länder berücksichtigt, dann folgt das Ver­einigte Königreich nach Deutschland und Frankreich, erst auf Rang drei.

 

Zusammenfassend ist also festzustellen, dass hinsichtlich der Verbrei­tung als Muttersprache in der EU Deutsch und Englisch an der Spitze stehen, hinsicht­lich der Verbreitung als staatlich anerkannte Landes‑ oder Regionalsprachen Deutsch und Französisch, hinsichtlich der Ver­brei­tung als Zweitsprachen Englisch und Französisch, und hinsicht­lich der dahinterstehenden europäischen Wirtschaftsmacht wieder Deutsch und Französisch. Ein Vergleich der "Stärke" der einzelnen Sprachen hängt vom Gewicht ab, das man den vier Indices zuerkennt; sofern man nicht der zahlenmäßigen Größe der einzelnen Sprach­gemeinschaften, die weit überwiegende Bedeutung beimisst, wodurch Italienisch als "stärker" anzusehen wäre als Französisch, sind Deutsch, Englisch und Französisch (also die vorgesehenen Arbeitssprachen des Kongresses der Europäischen Föderation liberaler Parteien) jedenfalls als die drei stärksten EU‑Sprachen anzusehen, ohne dass eine unstrittige Rangfolge dieser drei Sprachen angegeben werden könnte. Jedoch müsste man der politisch leicht manipulierbaren, augenblicklichen Zweitsprachverteil­ung ein starkes Überge­wicht beimessen, wollte man verhindern, dass Deutsch den ersten Rang erhält.